„Da hab ich gelernt, wie man arbeitet!“ – Fünf Peer Helper:innen im Gespräch
„Da hab ich gelernt, wie man arbeitet!“ – Fünf Peer Helper:innen im Gespräch

Ein Artikel vom Quartiersmanagement Dammwegsiedlung/Weiße Siedlung. Text und Bild: H. Heiland über Peer Helper:innen aus dem Peer Helper Netzwerk Neukölln. Ein Projekt vom Nachbarschaftsheim Neukölln e. V.
Allissar (15), Soaad (18), Badredin (14), Benji (13) und Sheeba (17) sind Peer Helper:innen in der Weißen Siedlung – also geschulte Gleichaltrige (Peers), die ihr Wissen, ihre Fähigkeiten oder Erfahrungen an andere aus ihrer Altersgruppe oder Lebenssituation weitergeben. Sie fungieren als Ratgeber, Tutoren oder Vorbilder oft in den Bereichen Jugendhilfe, Schule, Gesundheit oder soziale Teilhabe. Der Ansatz fördert Hilfe auf Augenhöhe, Empowerment und Mitbestimmung. Im Rahmen des Projekts „Bewegte Freizeit+“ vom Nachbarschaftsheim Neukölln e.V. haben sie sich alle in den letzten Jahren von Diego Cuadra ausbilden lassen, ein Zertifikat ausgehändigt bekommen und können nun selbst Gruppenangebote für Kinder und Jugendliche betreuen. Für diese Tätigkeit erhalten sie ein Taschengeld von fünf Euro für jede Stunde, die sie arbeiten.
Beim Ferienprojekt FuN (Freizeit und Nachbarschaft in der Weißen Siedlung) leiten sie in den Ferien Kinder ab sechs Jahren beim Spielen am Geschwisterspielplatz an, führen Bewegungsangebote durch, malen und basteln mit ihnen und schlichten auch mal einen Streit.
Vielfältige Aufgaben
„Manchmal sind die wild“, sagt Benji, der Diego und seine Projekte bereits kennt, seit er acht Jahre alt ist. „Dann muss man Respekt fordern. Aber das geht.“ Seit einem Jahr ist er nun selbst Peer Helper und findet, dass ihm das auch in der Schule und im eigenen Umfeld Anerkennung eingebracht hat. Insgesamt fühlt er sich durch die Schulung und seine Arbeit mit Kindern, bei der er Vorbildcharakter hat, sicherer im Umgang mit anderen.
„Wenn man Ruhe ausstrahlt und mit den Kindern ruhig redet, beruhigen sie sich auch wieder“, erklärt Soaad, die seit einem Jahr mitarbeitet. „Und wenn es ganz schwierig wird, können wir uns auch immer an Diego wenden. Im schlimmsten Fall müssen wir auch mal ein Kind nach Hause schicken – oder zwei. Weil, wenn sich zwei streiten und nicht aufhören, müssen beide gehen. Die meisten Kinder kennen wir natürlich ganz gut und wissen, wie wir mit ihnen reden müssen. Es sind meist dieselben, die kommen.“
„Aber wir arbeiten nicht nur mit Kindern“, ergänzt Sheeba, die ihre Peer Helperin Ausbildung schon vor vier Jahren gemacht hat. „Im Nachbarschaftstreff Sonnenblick haben wir auch mal Senioren unterstützt. Mir wurde von Anna-Lena [Wünnecke] (der Koordinatorin des Nachbarschaftstreffs) angeboten, dass ich einen Tag einen Ausflug mitbegleite. Wir waren mit ihnen bei einer Veranstaltung in der Gropiusstadt. Da haben wir Musik aus den 70ern, 80ern und 90ern gehört und einfach zusammen Zeit verbracht. Das hat Spaß gemacht undwar eine gute Erfahrung. Beruflich möchte ich später gern mit Menschen arbeiten, aber wahrscheinlich eher mit Kindern.“
Allissar ist schon dabei, seit sie zwölf ist, also seit gut drei Jahren. Das Ferien-Projekt hat sie bereits als Kind in der Siedlung kennengelernt. „Ich habe dann angefangen, mal mit aufzubauen. Peer Helperin wollte ich werden, weil ich gern Zeit mit den Kindern verbringe. Da kann man auch was Gutes tun. Unser Umfeld ist manchmal schon kompliziert. Aber auch gut, weil man sich einbringen kann. Außerdem mache ich auch beim Pflanzen- oder Bienenprojekt auf dem Dammweg mit.“
Peer Helper:innen, die bei den wöchentlichen Bewegungsangeboten unterstützt haben erhalten die Möglichkeit, bei anderen Trägern mitzuarbeiten und neue Themen und Menschen kennenzulernen. Im Aquaponik-Projekt etwa – einem Verfahren, bei dem die Zucht von Fischen mit der Kultivierung von Nutzpflanzen gekoppelt wird – erarbeiten sie sich praktisches Wissen um natürliche Kreisläufe von Wasser, Pflanzen und Fischen und erlernen einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur.
Ankommen in der Weißen Siedlung
Soaad ist erst vor einem Jahr mit ihrer Familie von Duisburg in die Weiße Siedlung gezogen. In der Siedlung ist sie auf Diego und die Peer Helper:innen aufmerksam geworden. Sie hat ein Mädchen angesprochen und angefangen, sich zusammen mit ihrer 14-jährigen Schwester einzubringen. „So haben wir hier Kontakte bekommen und uns gut eingelebt.“ Gemeinsam haben sie an zwei Probetagen gearbeitet, am Kurs teilgenommen und mit Einwilligung ihrer Eltern die Ehrenamtsverträge unterschrieben. Seitdem engagieren sie sich regelmäßig und freuen sich, dass sie damit ihr erstes eigenes Geld verdienen. Später möchte Soaad etwas mit Medizin und Kommunikation machen. Auf diesen Berufswunsch ist sie gekommen, weil sie an ihrer alten Schule noch einen zweiwöchigen Kurs gemacht hat, bei dem sie Erste Hilfe gelernt hat und zur Schulsanitäterin ausgebildet worden ist. Das gibt ihr auch für ihre Rolle als Peer Helperin zusätzliche Sicherheit. Darüber hinaus gefällt ihr, dass sie beim Aquaponik-Projekt ihr naturwissenschaftliches Interesse einbringen kann, etwa wenn sie PH-Werte messen und überwachen muss. „Das kenne ich schon aus der Schule, wo wir das auch machen“.
Als einziger aus der Gruppe wohnt Badredin nicht in der Weißen Siedlung, er lebt mit seiner Familie in der High-Deck-Siedlung. Er hat davon gehört, dass er bei Diego in der Weißen Siedlung den Peer Helper:innen Kurs machen und sich dann engagieren kann. „Die Weiße Siedlung kannte ich da eigentlich fast gar nicht. Jetzt kenne ich viele Leute aus der Siedlung.“
Das erste eigene Geld
Aber nicht nur der größere Aktionsradius erweitert Badredins Möglichkeiten und die der anderen. Eine große Bedeutung hat für alle auch das Geld, das sie verdienen. „Das ist ein gutes Gefühl“, sagt Soaad. „Das ist nicht, wie wenn ich zu meinen Eltern gehe und sage, ich brauche Taschengeld. Das ist etwas, das ich mir selbst erarbeitet habe.“
„Das Geld, das ich verdiene, spare ich“, ergänzt Allissar, „oder ich kaufe davon Geschenke für meine Familie zu Weihnachten und zu Geburtstagen. Mit meinem ersten selbstverdienten Geld habe ich mir und meiner Familie Eis gekauft, um zu zeigen, dass ich mit meinem Geld auch für die Familie da bin.“
Gleichzeitig lernen die Peer Helper:innen zuverlässig gegenüber dem Projekt und Diego zu sein. „Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit sind wichtig im Leben“, erklärt Diego. „Das fordere ich und das lernen sie.“
„Als Peer Helper habe ich gelernt, wie man arbeitet“, sagt Benji.
Ein Punkt ist ihnen am Ende des Gesprächs außerdem noch wichtig: Dadurch, dass sie vor ihren Aktionen aufräumen und Müll sammeln, hat sich ihr Blick auf die Siedlung ebenfalls geändert. Zwar hat das nicht immer Spaß gemacht und sie haben darüber diskutiert, warum sie den Müll wegräumen sollen, den andere und vor allem Erwachsene gemacht haben, „Aber für den Moment, in dem wir arbeiten, merkt man schon eine Verbesserung. Bei uns und in unserem Umfeld ist schon etwas passiert“, findet Sheeba. Ihr Gefühl für ihr Umfeld ist ein anderes als früher, auch hier fühlen sie sich verantwortlicher.
Insgesamt ist ein wesentlicher Effekt der Arbeit als Peer Helper:innen für alle fünf Jugendliche, dass sie stolz darauf sind, aus ihrem Umfeld Anerkennung für ihr Engagement zu erfahren. Neben dem Verdienst spielen also auch die Zertifikate, die sie erhalten und das Gefühl, dass sie gebraucht werden, eine entscheidende Rolle für ihre Motivation.
Text und Bild: H. Heiland






